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22.05.2012 - Sie sind hier: Aktuelles - Nachrichten

Sepp Hartls Castor-Bilanz: Blockaden, Proteste und schlaflose Nächte

Sepp Hartls Castor-Bilanz: Blockaden, Proteste und schlaflose Nächte

Zwölf Castor-Transporte hat Sepp Hartl schon hinter sich. „Das ist immer eine Herausforderung“, weiß der Polizeihauptkommissar aus Kirchberg, der seit 36 Jahren bei der Deggendorfer Bundespolizei Dienst schiebt. 16 Tage lang war der 55-Jährige im Einsatz, bis der Zug mit der hochradioaktiven Fracht gestern endlich in Gorleben ankam. Im Interview spricht Sepp Hartl nicht nur über seine schwierige Arbeit inmitten von Gewalt und friedlichen Protesten, sondern auch darüber, wie er persönlich zur Atomkraft steht.

16 Tage Castor-Einsatz. Haben Sie jetzt genug davon?

Sepp Hartl: Ja, mir reicht’s jetzt schon. Das geht ganz schön an die Kondition. 16 Tage lang habe ich jeden Tag zwölf bis 15 Stunden Dienst geschoben. Am Sonntag waren es sogar 22. Dazu kam die An- und Abfahrt zu unserer Unterkunft in Arendsee. Das konnte ganz schön dauern. Vorgestern hatten Traktorfahrer die Straße blockiert. War man dann endlich in der Unterkunft angekommen, war es oft schwer, Ruhe zu finden. Mein Kollege, mit dem ich mir das Zimmer teilte, sägte nachts geschätzte zwei Ster Holz. Es gab aber auch Drei- und Vierbettzimmer. Schließlich war die Erste Hundertschaft mit 130 Leuten hier in einer Jugendherberge untergebracht. In Dannenberg waren wir direkt neben den Fernsehstationen stationiert. Es war ziemlich kalt und der Regen hat für jede Menge Matsch gesorgt. Das Essen wurde in Behältern hergebracht und wie in einem Bierzelt aufgetischt. Auch davon hat man irgendwann genug.

Wie halten Sie sich fit?

Sepp Hartl: Mann muss körperlich fit sein. Ansonsten hält man das nicht durch. In Dannenberg haben wir ja bereits den nächsten Einsatz am kommenden Wochenende in München geplant. Am Samstag findet eine Demonstration statt, am Sonntag ein Fußballspiel. Ich mache viel Sport: Radlfahren, Tennisspielen, Skifahren. Vor allem aber ist wichtig, dass die Familie hinter einem steht. Da könnte ich mir keine bessere Unterstützung wünschen als durch meine Frau und meine beiden Kinder. Sie machen es mir leicht, dass das auch nach 36 Dienstjahren immer noch mein Traumberuf ist. Ich könnte mir nichts anderes vorstellen.

Was waren Ihre Aufgaben? Mussten Sie auf der Strecke Demonstranten von den Gleisen tragen?

Sepp Hartl: Nein, aber ich weiß, wie das ist. Vor zwei Jahren war ich noch an der Strecke zwischen Lüneburg und Dannenberg eingesetzt. Dieses Mal habe ich zusammen mit Kollegen zuerst von einem Container aus und dann in einem Befehlskraftwagen die Anweisungen des Führungsstabs umgesetzt. Wir haben die Kräfte koordiniert und den Einsatz dokumentiert.

Als „alter Hase“ können Sie die Transporte gut vergleichen: Kein Castor-Zug war jemals so lange unterwegs wie dieser. Wie haben Sie den diesjährigen Transport erlebt?

Sepp Hartl: Es waren bei weitem mehr Castor-Gegner unterwegs als noch vor zwei Jahren. An der Strecke ging es ganz schön zur Sache. Es ist für Polizeibeamte auf alle Fälle gefährlicher geworden; die Mittel, mit denen manche Demonstranten an die Polizei herangehen, sind schon heftig. Da kann man nichts schönreden, auch wenn der weitaus größte Teil der Demonstranten friedlich war. Der Castor ist immer eine Herausforderung und stark belastend. Unsere Leute fahren mit großen Erwartungen zu solchen Großeinsätzen.

Über 20 000 Polizisten waren im Einsatz. Da war die Wahrscheinlichkeit groß, dass Atomkraft-Gegner auch auf Atomkraft-Gegner in Uniform trafen. Wie stehen Sie persönlich zu diesem Thema?

Sepp Hartl: Ich habe zum Teil Verständnis für die Demonstranten. Als Anwohner wäre ich auch dagegen, dass Atommüll in der Nachbarschaft abgelagert wird. Es war ja auch der Saldenburger Granit schon einmal als Endlager im Gespräch. Das wäre nicht in meinem Sinne gewesen. Doch wir haben nun einmal mit der Atomstromerzeugung angefangen und müssen uns jetzt um den Atommüll kümmern. Vielleicht sollte man nicht von einem Endlager, sondern von einem Zwischenlager sprechen. Vielleicht findet die Wissenschaft ja irgendwann eine Lösung, wie man den Atommüll entsorgen kann.

Gestern ging es endlich Richtung Heimat: Worauf freuten Sie sich am meisten?

Sepp Hartl: Auf meine Enkelkinder. Sie sind das Größte für mich. Raphael ist sechseinhalb, Elena zweieinhalb Jahre alt. Immer, wenn ich mit ihnen telefoniert habe, haben sie gefragt: „Opa, wia oft muaß i no schlafa, bis d’ wieda hoam kimmst?“



Bericht aus dem Bayerwald-Boten vom 10.11.2010