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21.05.2012 - Sie sind hier: Aktuelles - Nachrichten

Wenn den Imkern der Honig davonfliegt

Wenn den Imkern der Honig davonfliegt

Anfang Mai beginnt die Schwarmzeit bei den Honigbienen, und damit die für den Imker arbeitsintensivste Zeit im Bienenjahr. So lautet die Lehrmeinung − die aber ist heuer ganz gehörig durcheinandergewirbelt worden. Denn in diesem Jahr haben sich viele Bienenvölker schon ab Ende April auf Wanderschaft begeben. Und die Imker kamen angesichts des enormen Schwarmtriebes kaum mehr mit dem Kontrollieren nach.
Befindet sich in einem Bienenstock mehr als eine Königin, zieht die „alte“ mit einem Teil des Volkes aus, eine junge Königin bleibt mit den Rest des „Gefolges“ im Stock, aus einem Volk werden zwei. Der Schwarmtrieb ist der Fortpflanzungstrieb des Bienenvolkes, Vitalität und Gesundheit der Honigbienen sind eng damit verknüpft. Die Folge: Eines Tages, meist vormittags zwischen 11 und 12 Uhr, verlassen Tausende von Bienen mit ihrer Königin in einer riesigen Wolke den Bienenstock. Sie sammeln sich erst einmal nahe dem Muttervolk als Schwarm-Traube etwa in einem Baum. Einige hundert Kundschafterinnen werden losgeschickt. Sie suchen nach einer geeigneten neuen Nistgelegenheit, möglichst einer Baumhöhle. Scheitert diese Suche, kann sich auch der ganze Schwarm geschlossen erheben und weiterfliegen.
Der Imker versucht bei einer wöchentlichen Kontrolle der Bienenstöcke, die „Schwarmstimmung“ abzuschätzen. Große Völker werden geteilt (es werden „Ableger“ gemacht) und mit einer schlupfreifen Weiselzelle (Wachszäpfchen, aus der die Königin schlüpft) oder einer bereits geschlüpften, jungen Königin versehen.
Warum die Bienen heuer derart schwarmfreudig sind? „Mitte April ist der Frühling fast explosionsartig gekommen“, sagt Erhard Härtl, Fachberater am Landwirtschaftsamt Deggendorf. Eine Vielzahl an Pflanzen begann gleichzeitig zu blühen. Die Folge: Die Bienen fanden ein wahres Pollen-Schlaraffenland vor, die Völker legten enorm an Masse zu.
Gerd Walter, erfahrener Imker aus Kirchberg, nennt noch einen weiteren Grund für die Pollen-Überversorgung: Die Bauern sind er sehr spät zum ersten Schnitt auf ihre Wiesen gefahren, weil die Trockenheit das Gras langsam wachsen ließ. „Dadurch konnte sich etwa die Löwenzahnblüte voll entfalten, die Bienen haben davon profitiert, wir bekommen ein sehr gutes Honigjahr.“
In einer solchen Situation freilich, glaubt Gerd Walter, sind vor allem die vielen noch unerfahrenen Amateur-Imker gerne überfordert. „Es kann auch an Imker-Fehlern liegen, wenn so viele Völker ausschwärmen.“ Aber Erhard Härtl nimmt die Imker in Schutz: „Da war in diesem Frühjahr so viel Zug dahinter“, sagt er „da konnte auch ein erfahrener Imker mal eine Schwarmzelle übersehen.“ Dann kann die neue Königin unbemerkt ausschlüpfen, und das Ausschwärmen ist nur mehr eine Frage der Zeit . . .
Kann der Imker die Traube erreichen, wird diese nass gespritzt, die Bienen rücken näher zusammen und fliegen nicht weg. Die Traube, in deren Mitte sich die Königin befindet, wird in einen leeren Kasten mit Flugloch „geklopft“ und dieser in der Nähe aufgestellt. Ist die Königin im Kasten, folgen die noch umherfliegenden Bienen dem Duft ihrer „Chefin“ in den Schwarmkasten.
So beängstigend es wirkt, wenn eine große Traube Bienen in der Luft ist oder an einem Ast hängt: Ein Bienenschwarm ist sehr friedlich und würde niemals Menschen angreifen. Die Bienen sind viel zu sehr mit sich selbst und der Suche nach einer neuen Heimat beschäftigt, um sich mit Menschen „abzugeben“. Sollte also jemand einen Schwarm sehen, kann er das Naturschauspiel Bienenschwarm ruhig bewundern, bevor dann ein Imker informiert wird.

Bericht aus dem Bayerwald-Boten vom 24.05.2011