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18.05.2012 - Sie sind hier: Aktuelles - Nachrichten

Arbeits-Agentur macht Kirchbergerin fit für die Rente

Josefa Schiller soll in Kurs lernen, wie man sich bewirbt - dabei geht sie im Februar in den Ruhestand.

Den Rentenantrag hat sie schon gestellt und jetzt muss sie noch einmal die Schulbank drücken. „So ein Blödsinn!“, schnaubt Josefa Schiller. Die 62-jährige Kirchbergerin deutet auf das Schreiben der Agentur für Arbeit, das auf dem Wohnzimmertisch liegt. Der Betreff lautet in schönstem Beamtendeutsch: „Zuweisung in eine Maßnahme zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung gem. § 46 Abs. 1 S.1 Nr. 1 SGB III des Dritten Buches Sozialgesetzbuch - SGB III“. Das bedeutet: Josefa Schiller muss einen fünfwöchigen Kurs zur „Orientierung und Aktivierung“ besuchen, damit sie ihren Anspruch auf Arbeitslosengeld nicht verliert. Josefa Schiller will sich aber nicht mehr aktivieren.
Vor fast zwei Jahren hat sie ihre Arbeit verloren. Nun ist sie 62, hat mehr als 35 Jahre in die Rentenkasse einbezahlt und wird im Februar in Rente gehen. Der Antrag ist gestellt, der Bescheid kommt garantiert, sagt ihr Sachbearbeiter. Aber bis zum 15. Januar hat Schiller Recht auf Arbeitslosengeld - und damit auch die zugehörigen Pflichten, findet die Geschäftsstelle der Agentur für Arbeit in Zwiesel. Berufliche Eingliederung, da muss Josefa Schiller lachen. Wozu? 20 Stunden pro Woche ist sie im Regener bfz. Bisher hat sie gelernt, wie hoch die Arbeitslosenquoten der europäischen Nachbarländer sind, wie sich die Arbeitslosenquoten in den Bundesländern, unter Männern und Frauen und den verschiedenen Altersgruppen verteilen. Sie hat Gedächtnistests gemacht.
„Hinausgeschmissenes Geld“.
Und sie sollte sich in einer Übung ihrer „Berufs- und Zukunftsplanung“ widmen, darunter der Frage: „Welche persönlichen und beruflichen Ziele möchte ich in Zukunft erreichen?“ Da kommt sich Josefa Schiller doch ein wenig „veräppelt“ vor. Für die jüngeren Teilnehmer sei das vielleicht ganz nützlich, räumt sie ein, auch damit sie morgens einen Grund hätten, aufzustehen. Aber ihr selbst würde eher ein Nähkurs etwas bringen.
Sie hat auch der Agentur für Arbeit in Deggendorf mitgeteilt, dass ihr Kurs, der praktisch in die Rente mündet, „hinausgeschmissenes Geld“ ist. Verständnis hätten die Mitarbeiter gezeigt, ändern konnten sie nichts. „Ich will ja nach dem 15. Januar nichts mehr von der Arbeitsagentur“, sagt Schiller, „kein Hartz IV, nichts.“ Sie sieht einfach keinen Sinn in der Maßnahme.
Sie habe immer Geld verdient, sagt Josefa Schiller. Nach der Hauptschule und dem Haushaltskurs arbeitete sie als Hauswirtschafterin, bis sie mit 21 heiratete. Dann kamen mit 13 Monaten Abstand die beiden Kinder, doch selbst in dieser Zeit war Heimarbeit angesagt. Später ging Josefa Schiller putzen, bis ihr Körper nicht mehr mitmachte. 16 Jahre, bis 2008, war sie in der Metallfabrik Klose in der Fertigstellung, entgratete Maschinenteile und bohrte Gewinde. Als es der Metallbranche immer schlechter ging, mussten die älteren Mitarbeiter gehen. Schiller war 60. Seitdem „stempelt“ sie. In den zwei Jahren hat sie mit der jetzigen an zwei „Maßnahmen“ teilnehmen müssen und genau zwei Stellenangebote von der Agentur für Arbeit bekommen. Eines von einer Zeitarbeitsfirma für Schichtarbeit am Wochenende, was für sie aus gesundheitlichen Gründen nicht in Frage kommt („das hatte ich beim Arbeitsamt auch angegeben“).
Vier Bewerbungen pro Monat verschickt
Und eine Arbeit in einer Glasfabrik. Am Freitag war das Angebot in der Post, Montagfrüh um neun war die Stelle schon besetzt. Schiller hat brav ihre vier Bewerbungen pro Monat verschickt, alle Termine wahrgenommen.
„Alle sagen mir, dass ich das Arbeitslosengeld bis zum Ende nehmen soll, aber wenn ich das mit dem Kurs gewusst hätte, wäre ich lieber noch früher in Rente gegangen und hätte auf das Geld verzichtet“, sagt Schiller. Weil sie sich dermaßen ärgert. „Das ist unser Geld, das da aus dem Fenster geschmissen wird“, sagt sie.
Immerhin ist es nicht so viel, wie Schiller vermutet hat. Sagt zumindest Erika Kriebel, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Deggendorf. Aus Gründen der Wahrung des freien Wettbewerbes unter den Bildungsanbietern darf sie zwar keine detaillierten Kostensätze nennen, „als Orientierung können Sie aber davon ausgehen, dass die Kosten . . . in der Regel weniger als 300 Euro pro Teilnehmer betragen.“ Solange der Agentur der Rentenbescheid nicht schwarz auf weiß vorliege und die Person noch nicht das gesetzliche Rentenalter von 65 Jahren erreicht habe, müsse die Agentur tätig werden, sagt Krieber, „zur Gleichberechtigung aller Beitragszahler“.


Bericht von Katharina Wojczenko aus dem Bayerwald-Boten vom 27.10.2010