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Beziehung kommt vor Erziehung

Wenn Kinder nicht folgen - was tun? Dieses Problem kennen viele Eltern aus eigener Erfahrung. Für die Schulleitungen, Elternbeiräte und Fördervereine der Volksschulen Kirchberg und Rinchnach Anlass genug, um Hilfe von kompetenter Stelle zu holen. Zu einem gemeinsamen Elternabend hatten sie deshalb die ADHS- Expertin Ursula Wendeberg von einer der größten Beratungsstellen Bayerns in Regensburg eingeladen. Lehrerin Renate Sima , die für die Schulleitung die Begrüßung übernommen hatte, begrüßte neben Rektor Bernhard Schell aus Rinchnach viele interessierter Eltern, darunter auch eine ganze Reihe von Vätern.
Dass die Mitwirkung der Väter am Erziehen nicht der einzige Unterschied zu Großmutters Zeit ist, stellte die Referentin gleich zu Beginn dar: „Eltern wissen heute viel mehr als früher, aber sie haben große Schwierigkeiten dieses Wissen umzusetzen.“ Wenn Kinder nach einer erzieherischen Maßnahme der Eltern protestieren, sei das als Hilferuf des Kindes zu verstehen: „Mir geht es nicht gut, ich brauche deine Unterstützung!“
Mögliche Ursachen für das oppositionelle Verhalten: Das Kind hat einen natürlichen Entwicklungsschritt noch nicht vollzogen, deshalb kann es nicht angemessen reagieren. Als weitere Ursache sind Funktionsstörungen im Gehirn möglich. Unter Umständen sind Botenstoffe wie Dopamin nicht ausreichend vorhanden, was sich insbesondere bei der Bewältigung von Konflikten nachteilig auswirken kann. In etwa fünf Prozent aller Fälle spielen erbliche Faktoren eine Rolle. Sie können ein ausgeprägt lebhaftes oder in sich gekehrtes Temperament im Kind bewirken. Auch psychosoziale Faktoren spielten eine erhebliche Rolle im oppositionellen Verhalten des Kindes. Wendeburg nannte als Beispiele dafür stark belastete Eltern, Familienkonflikte, Überbehütung und unterschiedliche Erziehungsstile bei den Erziehern. Vor allem aber trage eine fehlende oder mangelhafte Eltern-Kind-Bindung zu auffälligem Verhalten bei.
Als erfahrene Beraterin wusste die Expertin auch um den Teufelskreis der Erziehung bei temperamentvollen Kindern. An und für sich sei es ein natürliches Bedürfnis der Kinder Zuwendung und Grenzen gesetzt zu bekommen. Kinder mit hoher Energie testeten ihre Grenzen aber häufiger und intensiver aus. Das wiederum habe zur Folge, dass sie von den Eltern auch häufiger ermahnt werden. Die Erzieher nun wiederum gerieten so öfters in schwierige Erziehungssituationen, werden dadurch überfordert und erschöpft. So falle es ihnen immer schwerer Zuwendung zu geben und Grenzen zu setzen. Die Kinder aber wünschten sich jetzt noch mehr als vorher die Zuwendung von Vater und Mutter.
Um eine positive Veränderung im Verhalten des Kindes zu erreichen, empfahl Wendeberg den Eltern in den schwierigen Situationen zu überlegen und zu fragen: „Wie geht es dem Kind gerade? Was braucht es gerade?“ Auf diese Weise könne es eine positive Beziehung zum Kind aufbauen. Denn, so die Erziehungsberaterin: „Beziehung geht vor Erziehung“. In Folge dieses Prozesses ist pädagogisch wirksames Handeln möglich, indem jeweils nur ein Problemverhalten über sechs bis acht Wochen behandelt wird. Dem Kind falle es nun leichter sich auf diese Angelegenheit voll zu konzentrieren.
Als weitere pädagogische Maßnahme bot Wendeburg an die Kinder beim „Brav-Sein“ zu erwischen. Die Eltern sollen bewusst wahrnehmen, wo das Kind richtig gehandelt hat und es darin positiv bestärken. Außerdem sollen die Erzieher die Gefühle des Kindes ordnen und sie dem Kind gegenüber aussprechen. Dann merke das Kind: Mama, Papa versteht mich. Wichtig sei auch eine „Eltern-Kind-Zeit“. Hier sollten Mutter und Vater Zeit miteinander verbringen und ganz bewusst für das Kind da sein, so dass es merke: Für diese Person bin ich wichtig.
Nicht nur am Thema lag es, dass die Eltern über 90 Minuten voll bei der Sache waren. Die ADHS-Beratungsstellenleiterin hatte mehrmals Mütter und Väter in die aktive Mitgestaltung einbezogen und ihre persönlichen Erziehungserfahrungen genutzt. Außerdem setzte sie ausdrucksstark Mimik, Gestik und Sprache ein, um beispielhaft das kindliche Verhalten zu imitieren.
Bericht aus dem Bayerwald-Boten vom 27.10.2010






